Tondeswinter Episode 5

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Aus einem verbrannten Tagebuch.

31.12.2014
Ich habe dieses Tagebuch zu Weihnachten bekommen. Weihnachten 2013, um genau zu sein. Von meinen Eltern. In dieser schnelllebigen Zeit solle man sich auch hin und wieder darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Und genau das solle ich in diesem Tagebuch festhalten. Ich gebe zu, eine Mischung aus Gereiztheit über den allgegenwärtigen erhobenen Zeigefinger hinsichtlich meines Lebensstils und ein wenig Erstaunen über die Tiefgründigkeit dieser Geste überkam mich.

Mein Vorsatz für das neue Jahr? Tagebuchschreiben.

01.01.2015
Mein Kater bringt mich um. Ich bin erst am späten Nachmittag aufgewacht. Ich habe mit Freunden gefeiert und es dabei mal wieder übertrieben. Auch nach 32 Jahren kenne ich mein Maß einfach nicht. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Mein Vater hat nur amüsiert die Nase gerümpft. Selbstverständlich liebe ich meine Eltern, aber ich will nach Hause. Das ländliche Neuengland hat ohne Zweifel seine schönen Seiten, aber ich vermisse die Stadt, die Universität und meine Brandband-Internetleitung. Nicht einmal mein Smartphone funktioniert hier draußen.

Morgen trete ich die Heimreise an.

02.01.2015
Heute habe ich mich auf den Heimweg. Irgendwie mag ich es, mit einem dampfenden Becher Kaffee und einen von diesen Talkie-Radionsendern, auf den kaum Musik gespielt wird, lange Strecken im Auto zurück zu legen. Mein Vater hat mir zum Abschluss eine kurze Version sein immer wiederkehrenden Wirf-dein-Leben-nicht-Weg-Rede gehalten. Nein, Dad, werde ich nicht. Ja, Dad, ich schaue mich nach einem Job um. Nein, Dad, ich habe keine Freundin. Er ist anstrengend, aber ich liebe meinen alten Herren. Meine Mutter hat in den letzten Jahren eine unsagbare Angst davor entwickelt, dass ich homosexuell sei und schenkt meinen gegenteiligen Beteuerungen keinen Glauben.

03.01.2015
Ein Freitag ist nicht der schlechteste erste Arbeitstag nach dem Weihnachtsurlaub. Auf dem Campus der Uni war noch nicht so viel los, wie eigentlich hätte los sein sollen. Vermutlich lag das an dem schlechten Wetter. Mein Kater sorgte zwar noch immer für einen permanenten Kopfschmerz, doch in meiner Rolle IT-Service Mitarbeiter hatte so früh im Jahr nicht mit viel Kundenverkehr zu rechnen.

Aufgrund der Ferien war ich der einzige Mitarbeiter unserer Abteilung in dem viel zu engen Büro. Normalerweise hatte ich beim betreten der kleinen IT-Höhle immer das Bedürfnis, meine Doktorarbeit schneller voranzutreiben, als ich es tat. Diesmal allerdings war es der Jahreswechsel, der jede Ambition verhinderte. Ich checkte meine E-Mails, fand dort aber außer Schichtplanänderungen und Bekanntgaben zu geplanten Umbauarbeiten dieses oder jenes Hörsaals oder dem eingeschränkten Speiseplan der Mensa während der Weihnachtsferien nichts von Relevanz.

Neben meinem eigentlichen Arbeitsplatz – einem in die Jahre gekommenen Desktop PC und einem abgenutzten Headset – platzierte ich die inzwischen hochoptimierte Kombination aus meinem privaten Laptop, dem größten Becher Kaffee, den man für Geld kaufen konnte, einer Tüte mit Backwaren und der aktuellen Tageszeitung.

Das Telefon klingelte nicht ein einziges mal.

10.01.2014
Da war sie, diese Anzeige. Inmitten des entsprechenden Abschnitts der Tageszeitung, zwischen Menschen, die ihre Garagen vermieteten und Menschen, die ihre … Stimme … vermieteten stand sie. Einfach so.

GESUCHT: Jemand, der mit uns gegen die Welt rettet. Das ist kein Witz. P.O. Box 231 Arkham, MA 01950. Bezahlung bei Überleben. Eigene Waffen ein Muss. Es wird keine Haftung übernommen. Wir haben das erst einmal gemacht.