Todeswinter Episode 8

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Irgendwann war er doch eingeschlafen und durch die sonderbare Welt gewandert, die das Traumreich für ihn bereithielt. Es war keineswegs eine angenehme Wanderung gewesen, aber das hatte er auch nicht erwartet. Nach einer kurzen Zeit der Orientierungslosigkeit identifizierte er das Poltern, dass ihn aus dem Gefängnis schlaf befreit hatte als ein Klopfen an der Tür. Phill. Wer sonst würde hier durch das Haus laufen und an Türen klopfen.

Kurz warf er einen Blick auf den alten digital Wecker neben seinem Bett. Kurz vor fünf.

„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ blaffte er, den Blick an die Decke geheftet. Wright wunderte sich selbst über seine Unfreundlichkeit, denn immerhin hatte Phill ihn gerettet und bewahrte ihn davor, weiter in dieser dunklen Welt herumirren zu müssen.

„Du hast Recht. Das Ende der Welt wird sich danach richte, wann du aus deinem selbstinduzierten, alkoholgestützten Koma erwacht bist.“

Noch einmal ein heftiges klopfen, dann wieder Phills Stimme.

„Raus aus dem Bett. Wir haben einen.“

Wrights Augen öffneten sich ohne sein Zutun soweit, dass es schmerzte. Er hatte in seinen Klamotten geschlafen, zog seinen Parker an und griff nach dem Pistolenhälfte, dass mitsamt der Waffe neben dem Bett lag. Keine zehn Sekunden später riss er die Tür auf.

„Wir können los.“

Augenblicke später saßen sie im Auto und Wright nippte an einem Kaffee vom Vortag, den er noch in der Kanne gefunden und in seinen Becher gefüllt hatte. „Hol mich mal ab.“

„Heute morgen habe ich wie üblich die Protokolle der letzten Nacht durchgesehen, weil wir ja im Wald gewesen sind. Dabei ist mir aufgefallen, dass …“

Die folgenden Ausführungen dauerten mehrere Minuten und Wright verstand kein Wort. Er wusste, dass das Böse zwei Möglichkeiten hatte, in die Welt zu gelangen. Direkt oder indirekt. Ein indirektes Eindringen kam häufig vor. Die Wesen, mit denen sie es hier zu tun hatten, suchten dann den Zugang durch ein ihnen ideal erscheinendes Medium. Dabei nahmen sie bewusst in Kauf, dass sie ihren Körper verlassen und für den Zeitraum ihres Aufenthalts in unserer Welt an einen menschlichen Körper gebunden waren. Wright bevorzugte diese Art der Eindringlinge, denn sie waren durch ihren menschlichen Körper auch menschlichen Grenzen unterworfen. Und konnten sterben. Dumm war nur,  dass sich diese Besucher nicht einfach Drogendealer, Mörder und Politiker als ihre Wirte aussuchten, sondern ganz normale Menschen, sogar Kinder.

Phill schleuderte den alten Kombi regelrecht um eine Kurve und lachte laut auf. Man sollte meinen, dass jemand mit derartig vielen akademischen Abschlüssen und Auszeichnungen die Gesetze der Physik kennen und achten sollte. Phil war da allerdings anders. Die Energy Drinks und der Umstand, dass er sich auch ansonsten nur von Zucker ernährte, schienen zwar sein Denken zu beflügeln, aber überdrehten ihn auch wie ein kleines Kind, dass zulange nicht geschlafen hatte. Er hörte nicht auf, zu erklären, wie er die Anomalie aufgespürt hatte, was Wright in seinen Gedanken zu der zweiten Art, den direkten Eindringlingen, brachte. Irgendwie gelang es entweder verirrten Seelen auf ihrer Seite oder besonders mächtigen Kreaturen auf der anderen Seite, ein Tor zu erschaffen. Dadurch konnten die Kreaturen in ihrer eigentlichen Form in die Welt der Menschen eindringen. Wright stellte sich manchmal vor, wie er dieses nüchterne Fachwissen in einem Hörsaal der Universität dozierte und zahllose Studenten gebannt an seinen Lippen klebten.

In der Realität sah es leider ganz anders aus.

Hupend wich Phill dem LKW aus, der ihnen im Zuge eines Überholmanövers entgegenkam, so dass Wright es langsam mit der Angst zu tun bekam.

„Warum rast du so? Es bringt nichts, wenn du uns beide mit dieser Karre hinrichtest.“

„Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich habe noch nie einen Zugang …“

Wieder wechselte Phill in eine Sprache, die nur aus wissenschaftlichem Kauderwelsch bestand. Sinngemäß brachte er seine Besorgnis darüber zum Ausdruck, dass dieses Tor größer, aber vor allem stabiler war, als alle, die sie bisher gefunden und verschlossen hatten. Diese Aussage untermauerte mit dem Vergleich mehrere Zahlen, deren zugehörige Einheiten klangen wie Figuren aus einem Fantasy-Roman. Ein Wert von 5 – Wright verzichtete in seiner Vorstellung auf Einheiten und Nachkommastellen – entsprach dabei etwa der Größe einer Zimmertür. Am Ende ihrer Reise würden sie auf sie Phills Ausführungen zufolge eine 7 antreffen. Eigentlich eine 7,5, aber Wright wollte sich nicht mit Details belasten.

Er warf den leeren Kaffeebecher auf die Rückbank und überprüfte das Magazin seiner Pistole. Ein 1911er Colt. Groß, klobig und mit genug Wumms, um auch das widerspenstigste Wesen aus der Realität zu entfernen. Sicher, es gab größeres, besseres, moderneres, aber das war auch immer mit größeren Kosten verbunden. Besonders auf dem Schwarzmarkt. Deshalb mussten sie nehmen, was sie bekamen und das waren ausgediente Militärwaffen aus dem Vietnamkrieg mit ausgefeilten Seriennummern.

Nur das Kampfmesser, dass in der Innentasche seines Parkers steckte, hatte Wright im Internet bestellt. Damals war er sich stark vorgekommen, aber letztlich musste er einsehen, dass es in dem Moment, wo ein Messer seine letzte Waffe gegen ein Biest von drüben war, mit ihm vorbei sein würde.

Beinahe schlug er mit dem Kopf auf das Armaturenbrett, als Phill bremste.

„Wir sind da.“

Wright wandte den Kopf zum Seitenfenster und wollte eigentlich damit beginnen, Phill wegen seiner Fahrweise die Leviten zu lesen, als ihm die Sprache im Hals steckenblieb.

„Willst du mich verarschen?“

Der Wissenschaftler schüttelte zögernd mit dem Kopf.

Leise las Wright das große Schild auf dem breiten Grasstreifen, der die Straße von einem Spielplatz mit bunten Gerüsten und Schaukeln trennte.

Arkham Elementary School.