Todeswinter Episode 7

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Später.

Wright lag auf seinem Bett und starrte aus dem Dachfenster in den dunklen Nachthimmel. Er wollte nicht einschlafen. Die Träume würden kommen und das würde ihn wirklich fertigmachen. Nein, er konnte es nicht gebrauchen, morgen wieder den ganzen Tag in den Seilen zu hängen. Sein Blick ließ vom Sternenhimmel ab und wanderte zum Nachtschränkchen neben dem Bett. Ungelenk wühlte er mit der Hand in dem Haufen von leeren Tablettendosen aus rotem, durchsichtigen Kunststoff. Erfolglos, wie er etwas später feststellte.

Sie hatten schreckliche Dinge getan. Mit guten Gründen. Reichte das als Legitimation? Die Träume würden kommen. Er hatte sie schon immer gehabt. Bereits als Kind und nach dem Sturz von einer Klippe ins Meer hatten sie zugenommen. Phill – bereits damals sein bester Freund – hatte ihn regelmäßig im Krankenhaus besucht. Sie hatten jedoch niemals über die Träume gesprochen. Über das, was Wright antrieb noch viel weniger. Irgendwie ärgerte es ihn, so dass  er sich – mal wieder – vornahm, diesen Umstand zu ändern und das Gespräch zu suchen. Es war wichtig, das Phill wusste, warum sie wirklich taten, was sie taten und noch tun würden.

Nervös wälzte er sich im Bett von einer Seite auf die andere, fand aber keinen Schlaf. Natürlich war das gut, denn dann blieben die Träume aus, aber auf der anderen Seite war er Müde. Die vergangene Nacht hatte ihn geschafft. Langsam setzte er sich auf, zog sein T-Shirt zurecht und umklammerte die angezogene Knie mit den Armen. Hätte er doch nur auf seine Eltern gehört. Eine Einsicht, die für einen Enddreißiger wie ihn vielleicht ein wenig zu spät kam. Seine Mutter hatte ihn immer ermutigt, Literaturwissenschaften zu studieren und etwas aus seinem Talent im Umgang mit Worten zu machen. Schriftsteller, Journalist, ganz egal. Er hatte nicht auf sie gehört und war – vermutlich indirekt ausgelöst durch seinen Vater – an die Uni gegangen, um Betriebswirtschaft zu studieren. Und dann Marketing. Zufrieden hatte es ihn nie gemacht, denn die Träume waren immer wieder gekommen. Sie wurden realer, so real, bis er sie nur noch mit Alkohol und Tabletten überhaupt bewältigen konnte. Selbstverständlich war er nicht dumm und wusste ganz genau, wie falsch sein Handeln war, doch er hatte keine andere Wahl. Ärzte fürchtete er noch mehr, als die Träume. Tief in seinem Inneren pulsierte die Angst, für den Rest seines Lebens in eine Gummizelle geworfen zu werden, wenn er sich jemandem offenbarte. Womöglich war das aber auch der Motor, der ihn antrieb. Der Drang, das Böse zu finden und ihm seine schreckliche Maske vom Gesicht zu reißen. Irgendjemand musste es schließlich tun. So sah es Phill auch. Nein, er hatte es sogar genau mit diesen Worten gesagt. Jenseits seiner nüchternen Sachlichkeit hatte er Verbal die Ärmel hochgeschoben und sich spontan bereit erklärt, seine vielversprechende Karriere aufzugeben, um ihm zu folgen. Folgen. Wright dachte über diese Formulierung nach. War er der Anführer ihrer kleinen Gemeinschaft?

Genervt sprang er auf und marschierte durch das Schlafzimmer zu seinem Schreibtisch. Er war alt, abgegriffen und eine der beiden Schubladen war kaputt. Aus der anderen zog er das in einen alten Lappen eingeschlagene Tagebuch. Er hatte es in einem Antiquriat gefunden. Zufällig. Doch sein Inhalt beschrieb sein Träume besser, als er sie hätte jemals in Worte fassen können. Wright wusste nicht, was genau letztendlich den Schalter umgelegt hatte, doch seitdem er in Besitz dieses Dokument war, hatte er begonnen, das Böse zu wirklich wahrzunehmen. Wenn man die Augen aufhielt, lauerte es hinter jeder Ecke, in jedem Schrank und unter jedem Bett. Er hatte begonnen, Bücher zu lesen. Alte Bücher, viel älter als das Tagebuch, mit dem alles begonnen hatte. Die Bibliothek der Miskatonik-Universität war ausgezeichnet bestück. Nach und nach begann sich ein Muster abzuzeichnen, dass er zwar noch nicht in seiner Gesamtheit erfassen konnte, aber er wusste, dass es da war. Natürlich war er sich selbst darüber im Klaren, dass Formulierungen wie „das Muster“ oder „man muss nur genau hinsehen, um das Böse zu erkennen“ ihn nicht unbedingt weiter von der Gummizelle entfernten. Es waren die Phrasen von Geisteskranken und Verschwörungstheoretikern, die – zumindest sah Wright das so – bei ihm das erstem Mal in einem klaren Verstand gelangt waren.

Er blätterte das Tagebuch durch. Da war etwas, zwischen dem hunderte Jahre alten Papier, das nicht greifbar war, aber ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Der Text selbst war schon abnorm und konnte ohne weiteres mit jedem Horror-Roman, den er gelesen hatte, mithalten, doch das Gefühl, dass ihn beim Lesen überkam. Er klappte es wieder zu, doch der Nachhall des Gefühls blieb und genügte, seine Überzeugung darin zu bestärken, dass es richtig war, was er tat. Dass es zum Wohle aller war.

Ob das die dreiköpfige Familie, deren Zähne immer noch im Beutel auf dem Schreibtisch langen auch so sah?