Todeswinter Episode 6

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„Damit verdienen wir kein Geld,“ Wright fluchte, als er auf dem kleinen Taschenrechner die finanziellen Mittel ihres Ladens noch einmal durchgerechnet hatte.

„Ich sagte ja, dass es illusorisch sei, dass wir mit unserer kleinen Unternehmung genug Geld verdienen, um die Rettung des Universums zu finanzieren.“

„Vielen Dank,“ Wright durchbohrte Phill mit seinem Blick, „es ist nicht so, dass man mehrere Doktortitel dazu benötigt, um das zu erkennen. Darauf bin ich alleine gestoßen.“

Phill schwieg, drehte sich dann auf dem Barhocker vor dem Tresen um die eigene Achse und setzte sein Schweigen fort. Wright stand auf der anderen Seite des Tresens und sah sich im Laden um. Er war nicht groß, vielleicht vierzig Quadratmeter, aber bis unter die Decke vollgestopft mit Gerümpel. Oder Antiquitäten. Das kam auf die Betrachtungsweise an. Sie hatten das Townhouse, dessen unteres Stockwerk die Ladenfläche samt Schaufenster ausmachte, zu einem lächerlich niedrigen Preis gekauft. Phill hat seine Ersparnisse eingebracht und Wright den Rest der kleinen Erbschaft, die sein Onkel ihm hinterlassen hatte. Phill hatte ihn vor den zahlreichen Mängel, die das Gebäude aufwies, gewarnt. Mehr als deutlich, aber letztlich hatte er sich überzeugen lassen.

Über dem Laden gab es noch zwei Stockwerke, eines mit einer funktionierenden Küche, dass sie als Wohnzimmer betrachteten und das darüber. Hier hatten sie ihre Privatgemächer untergebracht, in denen Wright seine Blurays und Comics lagerte und Phill vermutlich Bücher. So recht wusste er es aber nicht, denn niemand durfte einen Fuss durch die Tür setzen. Sein Mitbewohner war in dieser Hinsicht eigen.

Der eigentlich Grund, warum dieses Haus wie für sie gemacht schien und letztlich den Zuschlag bekommen hatte, war nicht der Preis und auch nicht der Trödelladen, den sie umsonst dazu bekamen, sondern der Keller. Zwei Untergeschosse und etwas – bestenfalls als Gewölbe zu betrachtendes, dass sie noch nicht vollständig erkundet hatten. Mehr als genug Platz für mehrere LKW-Ladungen an Geräten, die sie nach ihrer unfreiwilligen Exmatrikulation von der Universität ausgeliehen hatten. Selbst Phill sah sich als Dieb an, beruhten die meisten Entwicklungen schließlich auf seinen Konzepten.

Im Laufe der Wochen war so aus dem ersten Kellergeschoss das Geheimlabor geworden. Nach langer Diskussion hatten sie sich auf diesen Namen einigen können. Mit etwas aufwand war es ihnen außerdem gelungen, die Strom und Gasverbindungen der Nachbarhäuser anzuzapfen. Für die Nachbarn war das vielleicht nicht optimal, aber immerhin stand das Wohl der Welt auf dem Spiel. Und die Breitbandleitungen auch. Natürlich.

Ein wenig schwierige war der Ausbau des zweiten Untergeschosses gewesen. Früher einmal musste das ein nachträglich gegrabener Kohlenkeller gewesen sein, der aus vielen kleinen Räumen bestanden hatte. Schwere gusseiserne Gittertüren – eigentlich für den Einsatz im Garten gedacht – aus dem Baumarkt versperrten nun die auf diese Art und Weise entstandenen Zellen. Eine Kohlenluke führte durch einen langen Schacht direkt nach draußen.

Wright schreckte auf. „Hast du …“entfuhr es ihm, doch Phill griff der Frage vor und zeigte auf einen leere, blutbeschmierten Blecheimer. „Unsere Gäste sind bestens versorgt.“

Sofort beruhigte er sich wieder und sog die modrige Luft in die Lunge. Das Haus war perfekt. Er liebte es. Nun mussten sie nur noch anfangen, mit ihrer Geschäftsidee Geld zu verdienen. Das war dringend notwendig. Die Rechnungen stapelten sich, sie brauchten modernere Waffen und keine unwesentlichen Summen für Forschung und Entwicklung. Außerdem mussten sie sich Gedanken darum machen, wo sie weiterhin größere Mengen Hundefutter und Schweineblut herbekamen ohne aufzufallen. Sie mussten immer weiter fahren, weil die lokalen Schlachtereien bereits anfingen, Fragen zu stellen.

Phills Smartphone gab einen generischen Ton von sich. In einer U-Bahn hätte das Geräusch wahrscheinlich bei jedem anderen Fahrgast ebenfalls einen Blick aufs Display provoziert. Technische Konformität war gut, dozierte Phill immer wieder und zog das Gerät aus der Tasche, fummelte einen Moment herum und hob dann langsam den Kopf. Er grinste.

„Es hat tatsächlich jemand auf unsere Anzeige geantwortet.“